Die 10.000-Stunden-Regel – Macht Übung wirklich Meister?

Malcolm Gladwell machte vor mehr als 10 Jahren in seinem Buch “Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht” die 10.000-Stunden-Regel populär. 

Laut Gladwell musst du 10.000 Übungsstunden investieren, um in einer Disziplin zur Spitze zu gehören. Diese Aussage fand in der Folge viel Beachtung, vor allem im Selbstoptimierungs-Bereich, wurde aber daraufhin auch von vielen Wissenschaftlern scharf kritisiert. 

Nature or Nurture, Erziehung oder Gene, Training oder Talent?

Das ist die ewige Frage, wenn wir versuchen zu verstehen, warum sich Menschen so unterschiedlich entwickeln können. 

Aber was ist dran, an Malcolms 10.000-Stunden-Regel? Reichen 10.000 Stunden Übung aus, um ein neuer Mozart, Federer oder Kasparow zu werden?

Das Problem an dieser Regel ist, dass der Autor Malcolm Gladwell mit ihr die dahinter liegenden Forschungsarbeiten extrem verkürzt wiedergegeben hat.

Inspiration für Gladwell’s Buch war eine vielbeachtete Studie des schwedischen Psychologen Anders Ericsson, der herausgefunden hat, dass die besten Geiger einer Berliner Musikschule bis zum achtzehnten Lebensjahr durchschnittlich 7.410 Stunden geübt hatten. 

Warum nicht 7410-Stunden-Regel?

Malcolm Gladwell rundete daraufhin die Anzahl der Stunden auf, weil sich nun mal eine 10.000-Stunden-Regel besser anhört als eine 7.410-Stunden-Regel. Auch vergaß er zu erwähnen, dass die Geiger mit achtzehn noch lange nicht zur Weltspitze gehörten. Im Durchschnitt erreicht ein Musiker die Weltspitze nämlich mit 30 Jahren, wenn er durchschnittlich schon mehr als 20.000 Übungsstunden absolviert hat.

Ein weiterer Kritik-Punkt ist, dass nicht alle Disziplinen gleich sind: In den 70er Jahren führte Ericsson ein Experiment mit dem Studenten Steve Faloon durch. Steve sollte sich Zahlenfolgen merken, die ihm Ericsson vorlas. Die meisten Leute können sich bei diesem Test (ohne vorherigem Training) 7 bis 8 Ziffern merken. Doch nach 200 Stunden Training war Steve in der Lage, sich Zahlen mit mehr als 80 Ziffern zu merken. Damit gehörte er damals im Feld des Gedächtnissports zur Weltspitze. 

Zum Vergleich: Der heutige Rekord wurde von Wei Qinru 2019 aufgestellt und liegt bei 616 Ziffern. Es ist also in 40 Jahren deutlich schwieriger geworden, im Gedächtnissport zur Weltspitze zu gehören. Trotzdem benötigen die besten Gedächtnissportler vermutlich noch immer weit weniger Training als Musiker, um in ihrer Disziplin zu dominieren, weil die Konkurrenzdichte deutlich geringer ist.

Nicht alle Disziplinen sind gleich

Was wir daraus lernen können ist, dass in Disziplinen in denen viel Konkurrenz herrscht, wie zum Beispiel Violine spielen, Schach oder Tennis, mehr Übung benötigt wird, als bei Nischendisziplinen wie dem Gedächtnissport. Der Grund warum der Geigernachwuchs bis achtzehn mehr als 7.000 Stunden üben muss, um zur Spitze zu zählen, liegt einfach darin, dass viele ambitionierte Junggeiger bereit sind, unzählige Stunden mit ihrem Musikinstrument zu verbringen. Gäbe es weniger Konkurrenz, würden dafür auch weniger Übungsstunden ausreichen, dafür wäre aber auch das musikalische Niveau deutlich niedriger.

In seinem Buch “Top: Die neue Wissenschaft vom Lernen” – in dem er die Ergebnisse seiner 30-jährigen Forschung zum Erwerb von Fachwissen zusammenfasst – kritisiert Ericsson auch, dass Malcolm Gladwell den Begriff “Übung” zu weit fasste. 

Übung ist nicht gleich Übung. 

Wenn man Fortschritte machen will, kommt es auf die Qualität des Trainings an. Ericsson nennt das “Deliberate Practice” oder auf Deutsch “bewusstes Üben”: Dabei handelt es sich um ein Training in dem man ständig aus der Komfortzone gepusht wird. Denn Wachstum passiert nicht, wenn wir uns wohlfühlen, sondern wenn wir Fehler machen, und lernen, diese zu beseitigen. 

Und was ist mit Talent?

Kommt es also nur auf die Übungszeit und Übungsqualität an und kann jede Person überall Weltspitze werden, solange sie nur intensiv genug übt?

Ericsson bestreitet, dass es so etwas wie Talent überhaupt gibt. Vielmehr ist er der Überzeugung, dass Talent oft mit der unerbittlichen Bereitschaft hart und bewusst zu Üben verwechselt wird. 

Im Buch zählt er Personen wie Mozart, Paganini oder den kanadischen Eishockeyspieler Mario Lemineux auf, denen oft nachgesagt wird, dass sie als Wunderkinder in ihrem Fach geboren worden waren. Wie Ericsson jedoch nachweisen kann, wurden alle drei schon von klein auf von ihrer Familie gefördert. Im Falle von Mozart spielte es beispielsweise eine Rolle, dass schon sein Vater als Komponist wirkte und alle seine Kinder zu großartigen Musikern erzog.

Klarerweise hat nicht jeder die Möglichkeit, überall die Weltspitze zu erreichen. In vielen Bereichen ist es wichtig, früh mit dem Üben anzufangen: Einerseits, weil das Gehirn in jungen Jahren noch formbarer ist, andererseits weil man ab einem bestimmten Alter das Trainingspensum der Konkurrenz einfach nicht mehr aufholen kann.

Das heißt jedoch nicht, dass es unmöglich ist, gut zu werden. Egal um welchen Bereich es sich handelt: Klavier spielen, Marathon laufen oder Schach – wenn jemand mehrere hundert Stunden übt, wird er definitiv riesige Fortschritte sehen. Auch das Alter sollte nicht als Ausrede dienen, um eine Sache nicht anzugehen. Inzwischen gibt es sogar Leute, die mit Anfang 90 ihren ersten Marathon laufen. Und auch wenn junge Gehirne deutlich formbarer sind, haben ältere Personen ebenfalls noch immer die Fähigkeit, neue Sachen zu lernen.

Deliberate Practice – Bewusstes Üben

Wie schon erwähnt, muss immer auf die Qualität des Trainings geachtet werden: Viele Leute fangen ein Hobby an (beispielsweise Tennisspielen), nehmen ein paar Trainerstunden, und sobald sie ein akzeptables Level erreicht haben, beschränkt sich die Übung darauf, regelmäßig mit Freunden zu spielen. Das Problem ist, dass die Person dabei nie aus der Komfortzone gestoßen wird. 

Aus diesem Grund stagnieren die meisten Personen nach einiger Zeit mit ihren Fähigkeiten.

Wer

  • am Klavier immer nur dieselben 10 Stücke spielt,
  • immer nur mit denselben Freunden den Tennisball über das Netz schupft, 
  • immer dieselbe Strecke mit dem Auto fährt,
  • oder  in einer Fremdsprache immer nur dieselben Gespräche führt,

wird logischerweise in der jeweiligen Disziplin nicht besser werden. 

Schlimmer noch: Viele Leute werden im Lauf der Zeit sogar schlechter, wenn sie nicht regelmäßig an ihren Fertigkeiten arbeiten. Es wurde beispielsweise sogar nachgewiesen, dass ältere Ärzte teilweise schlechtere Diagnosen abliefern als Jungärzte.

Mein Fazit zur 10.000-Stunden-Regel

Wie so viele Internet-Hypes ist auch die 10.000-Stunden-Regel eine starke Vereinfachung der Realität. Sie enthält jedoch ein Fünkchen Wahrheit: Übung macht den Meister. Und wer in irgendeiner Sache besser werden will, sollte entsprechend Zeit investieren. Oft sind wir jedoch nicht dazu bereit, weil uns vielleicht ein früher Misserfolg die Freude am Training genommen hat. 

Der Gedanke, dass wir einfach nicht gut in bestimmten Sachen sind, ist jedoch meistens nur ein falscher Glaubenssatz. 

Das habe ich zum Beispiel selbst Anfang 20 bemerkt: Damals ging ich schon mehrere Jahre in eine Tanzschule, hatte jedoch nicht das Gefühl, auch nur irgendeinen Tanz gut zu beherrschen. Ich musste mir von meiner Tanzpartnerin sogar sagen lassen, dass ich kein Taktgefühl habe (was damals sicher auch zutraf).

Das Problem: Tanzschulen (wie die meisten Anbieter von Gruppen-Kursen) bringen den Mitgliedern die Dinge nur sehr oberflächlich bei. Es wird kaum auf die individuellen Probleme eingegangen, was auch nicht überraschend ist, wenn dreißig andere Personen im Raum sind. 

Mein Glück war, dass ich mich sehr leicht negativ motivieren lasse: Wenn mir jemande sagt, dass ich eine Sache nicht kann, will ich beweisen, dass ich es doch schaffen kann.

So beschloss ich nach dieser Ansage, die Dinge etwas ernster anzugehen und besuchte einen Tanzsportclub, wo ich individuelle Trainerstunden nahm. Meine Leistung wurde innerhalb weniger Monate deutlich besser und irgendwann fragte mich mein Trainer, ob ich mit meiner Tanzpartnerin nicht einmal bei einem Turnier starten will. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Das erste Turnier ging zwar in die Hose, aber in der Folge konnte ich mich steigern und nach einigen Monaten konnte ich sogar ein Turnier in meiner Leistungsklasse gewinnen. 

Kurz danach war mein Ehrgeiz jedoch gesättigt, weshalb ich meine Tanzkarriere wieder beendete. Aber zumindest konnte ich mir durch diese Episode 2 Dinge klarmachen:

  • Übung macht den Meister (oder zumindest besser)
  • Individuelle Trainerstunden sind um den Faktor 10 effizienter als Gruppenkurse.

Was ist deine Erfahrung mit Übung? Wurdest du schon einmal in einer Sache wirklich gut, bei der du dachtest, dass du eigentlich kein Talent hast? Oder bist du der Meinung, dass es am Ende des Tages wirklich nur aufs Talent ankommt? Lass es mich in den Kommentaren wissen.

Dein Philipp

Im Artikel erwähnte Bücher:

Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht – Malcolm Gladwell

Outliers: The Story of Success – Malcolm Gladwell

Top: Die neue Wissenschaft vom Lernen

Peak: Secrets from the New Science of Expertise

Weitere Quellen: 

Malcolm Gladwell got us wrong: salon.com

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