Darum benötigst auch du einen Zettelkasten (als Wissensarbeiter)!

Der Zettelkasten ist ein Aufbewahrungsort für Notizen. Im Vordergrund steht beim Zettelkasten jedoch nicht das Sammeln von Notizen, sondern vielmehr die Verknüpfung der Notizen miteinander. Er ist die beste Methode der Notizen-Organisation, die die Menschheit bis heute hervorgebracht hat.

Ziel des Zettelkastens ist der Aufbau eines Netzwerks von miteinander verbundenen Notizen. So hilft dir ein Zettelkasten beim Schreiben von Blogposts, Büchern oder wissenschaftlichen Arbeiten, weil er deine Rechercheergebnisse nicht nur speichert, sondern auch miteinander verknüpft. Dadurch verbindest du sie gleich organisch miteinander und kommst dadurch auch leichter auf neue Gedankengänge.

Niklas Luhmann – Der Erfinder des Zettelkastens

Der Erfinder des Zettelkastens ist der deutsche Soziologe Niklas Luhmann. Er gilt als wichtigster deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik sowie als einer der produktivsten Wissenschaftler seiner Zeit.

Auf die Frage nach dem Geheimnis seiner Produktivität antwortete Luhmann: “Ich habe diesen Kasten und der nimmt mir die Arbeit des Bücherschreibens ab” (Quelle).

Das waren keine leeren Worte: Bis zu seinem Lebensende 1998 schrieb er 70 Bücher und fast 400 Fachartikel. Als Nachlass hinterließ Luhmann außerdem seinen Kasten mit ungefähr 90.000 Zetteln, auf denen Notizen geschrieben waren.

“In ihm hielt Luhmann alles fest, was er las, und vor allem, was er sich dabei dachte. Er betonte oft, dass ihn das weit mehr Zeit koste als das Bücherschreiben selbst”. (Quelle)

Was ist das Besondere an Niklas Luhmanns Zettelkasten?

Luhmann war nicht der Erste, der sich im Laufe seines Lebens viele Notizen zu seinen Forschungs- und Interessensthemen machte. Zum Beispiel sind Leonardo da Vincis Notizbücher noch heute eine beliebte Lektüre. Auch der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan war dafür bekannt, ein umfangreiches Karteikartensystem zu verwenden, in welchem er Zitate, Fakten, Witze und Geschichten abspeicherte.

Doch anders als Leonardo oder Reagan ordnete Luhmann seine Notizen nicht hierarchisch oder thematisch, sondern organisierte sie als Netzwerk (ähnlich wie das World Wide Web organisiert ist).

Jede Notiz steht dabei als eine für sich unabhängige Idee, die mit einer anderen Notiz thematisch verknüpft wird.

Dadurch entstand mit dem Anwachsen seines Kastens ein komplexes System, mit dessen Hilfe Luhmann auf Verbindungen zwischen den Notizen aufmerksam wurde, auf die er sonst vermutlich nie gekommen wäre, einfach indem er den Notizen und ihren Verlinkungen folgte:

Notiz A verlinkte Luhmann beispielsweise mit der thematisch ähnlichen Notiz B. Diese verlinkt jedoch auf Notiz C, die eigentlich aus einem ganz anderen Themengebiet stammt. Durch den Verlinkungspfad konnte Luhmann so auch den Zusammenhang zwischen Notiz A und C sehen.

Dadurch erhöhen Verlinkungen zwischen Notizen das Verständnis für die verlinkten Themen selbst. Im Grunde ahmt dieses Netz an Verlinkungen die Struktur des Gehirns nach:

Denn im Gehirn baut Wissen aufeinander auf. Je mehr Verknüpfungen wir im Kopf erstellen können, desto leichter können wir uns Dinge merken, weil wir sie immer besser in einen Kontext einordnen können.

Nach demselben Prinzip funktioniert der Zettelkasten: Je mehr Notizen wir dort gespeichert haben, desto mehr Verknüpfungspunkte existieren für neue Notizen und desto erstaunlicher sind die Verknüpfungen, die sich ergeben.

Relevante Ideen verknüpfst du im Zettelkasten tendenziell öfters mit anderen Ideen, sodass sich hier stärkere Cluster bilden, während Ideen, für die du keine oder nur wenige verwandte Notizen findest, isoliert bleiben.

Ähnlich vergisst unser Gehirn Fakten, die in keinem Kontext eingebettet sind, schnell wieder:

Vergessen dürfte dabei übrigens eher eine Art Zugriffsproblem sein:

Die Dinge verschwinden nämlich nicht einfach aus deinem Gedächtnis (genauso wenig, wie isolierte Fakten aus dem Zettelkasten verschwinden), dir fehlt bloß eine Verknüpfung, um auf sie zugreifen zu können.

Wie alle Netzwerke wächst auch der Nutzen des Zettelkastens exponentiell:

In den ersten Wochen scheint der Zettelkasten keinen wirklichen Mehrwert zu bieten: Es fehlt an Linksequenzen und die Notizen passen thematisch nicht zusammen. Doch ab dem Erreichen einer gewissen Schwelle explodieren die Verlinkungs-Möglichkeiten in deinem Zettelkasten-Netzwerk, sodass der Zettelkasten ein wahres Eigenleben annimmt und zu einer Quelle an nicht versiegenden Ideen und Ansätzen wird.

Der Nutzen eines Zettelkastens steigt also proportional zur Anzahl an möglichen Verbindungen an: Je größer das Netzwerk an Notizen, desto exponentiell größer der Nutzen dieses Netzwerkes.

Warum benötigst auch du einen Zettelkasten?

Zugegeben: Nicht jeder Mensch benötigt einen Zettelkasten. Er ist insbesondere ein Werkzeug für jene Personen, die als Wissensarbeiter tätig sind.

Hauptzielgruppe des Zettelkastens sind Autoren von wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch wenn du als Blogger im Internet tätig bist, Videos auf Youtube erstellst, oder Song-Texte schreibst, würdest du von einem Zettelkasten profitieren.

Der Zettelkasten dient dir als Second-Brain, als eine Art digitale Erweiterung deines Gehirns. 

Er verknüpft außerdem die Tätigkeit des Lernens und Recherchierens gleich mit der Tätigkeit des Schreibens. Weil du dadurch neue Ideen ständig mit alten Ideen verknüpfst, kannst du eher Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichsten Themengebieten feststellen, wodurch du deutlich kreativer wirst.

Wenn du beispielsweise am Anfang deines Studiums mit dem Aufbau eines Zettelkastens beginnst, wirst du am Ende des Studiums keine Mühe haben, eine wissenschaftliche Abschlussarbeit zu schreiben, da diese Arbeit in den Grundzügen im Zettelkasten schon gespeichert sein wird.

Deine einzige Aufgabe würde darin bestehen, die Notizen und Inhalte in eine leserliche Form zu bringen.

Das Problem mit Notizen

Wer keine Notizen macht, vergisst das Meiste wieder. Das merkst du zum Beispiel beim Lesen eines Buches. Angenommen, du hast vor einem Jahr ein Buch gelesen: An wie viel Prozent des Inhalts könntest du dich heute noch erinnern? Mehr als ein Fragment wird es vermutlich nicht sein.

Notizen helfen uns also dabei, wichtige Informationen für die Zukunft zu speichern. Sie sind ein Dienst, den wir für unser zukünftiges Ich machen.

Die größte Herausforderung besteht jedoch nicht darin, heute Notizen zu machen, sondern auf sie in Zukunft wieder zugreifen zu können.

Denn ohne Struktur und Organisation gehen die meisten Notizen mit der Zeit wieder verloren.

Die meisten Leute notieren sich Dinge, die wenigsten schauen sich diese Notizen später wieder an.

Weißt du noch, wo du deine Mitschriften aus der Schule aufbewahrst? Viele davon dürften nicht mehr relevant sein, einige können dir jedoch noch immer interessante Einblicke geben, sofern du sie mit neuen Erkenntnissen verknüpfen würdest. In der Praxis werden alte Notizen jedoch meist nicht mehr angeschaut.

Das führt uns zum nächsten Problem: Aus dem Zusammenhang gerissen ergeben viele dieser alten Notizen auch keinen Sinn mehr. Und selbst wenn du ihren Sinn verstehen würdest, hättest du Schwierigkeiten, sie mit neuem Wissen zu verknüpfen, weil sie auf einem Blatt Papier isoliert sind.

Angenommen du hast ein Buch über Volkswirtschaft vor zwei Jahren gelesen, eines über Sport vor einem Jahr und im Moment bist du gerade dabei, ein Buch über Produktivität zu verschlingen.

Möglicherweise gibt es in allen drei Themenfeldern Prinzipien, die sich miteinander verknüpfen lassen. 

Sofern du deine Notizen jedoch nicht miteinander verbindest, würden dir diese Ähnlichkeiten vermutlich gar nicht auffallen.

All diese Probleme löst der Zettelkasten: Für Personen, die ein Interesse haben, ihren Wissensaufbau auf eine neue Ebene zu bringen, ist er deshalb ein echter Gamechanger.

Wie funktioniert die Zettelkasten-Methode?

  1. Notizen machen

Mache schon während des Lesens und Recherchieren Notizen. Jede Notiz muss die Quellenangabe enthalten, damit du später auch den Zusammenhang wieder herstellen kannst.

Luhmann nutzte dazu einen physischen Zettelkasten mit fast hunderttausend Karteikärtchen, die durch ein kompliziertes Verzeichnissystem miteinander verknüpft waren.

Heutzutage ist es jedoch besser, einen digitalen Zettelkasten zu erstellen, weil du dadurch Notizen leichter finden sowie schneller Verknüpfungen erstellen kannst und Platz sparst: Luhmann benötigte für die Aufbewahrung seiner 90.000 Zetteln noch einen ganzen Raum. Dank der digitalen Information ist das Erstellen eines umfangreichen Zettelkasten heute aber mit deutlich weniger Aufwand möglich. Welche Apps du für deinen digitalen Zettelkasten verwenden kannst, zeige ich dir am Ende des Beitrags.

2. Fasse die Notiz in eigene Worte

Im nächsten Schritt solltest du die Notiz in eigene Worte fassen. Denn Schreiben ist Denken: Während des Schreibens verarbeiten wir Informationen und werden auf mögliche Denkfehler aufmerksam. Außerdem gilt: Nur wenn du etwas in eigene Worte fassen kannst, hast du es wirklich verstanden (Siehe auch Feynman-Methode).

Würden wir Informationen jedoch konsumieren, ohne sie wirklich zu verarbeiten, würde unser Lernverhalten dem Essverhalten eines Bulimikers ähneln. Wir überfressen uns an neuen Informationen, behalten sie aber nur für kurze Zeit im Kopf, genauso wie Bulimiker die Nahrung bald wieder erbrechen und so keine Nährstoffe im Körper behalten.

Diese Art des Lernens wird nicht umsonst Bulimie-Lernen genannt.

3. Verbinde die Notiz mit anderen Notizen

Durchsuche deinen Zettelkasten nun nach Notizen, die einen Anknüpfungspunkt zu deiner neuen Notiz haben. Luhmann verwendete dazu Index-Notizen, die eine Übersicht der wichtigsten Zetteln zu bestimmten Themengebieten gaben. Von dort blätterte er weiter durch seine Notizen, bis er eine passende fand, mit der er seine neue Notiz verband.

4. Arbeite mit den Zettelkasten

Dank seines Zettelkasten musste sich Luhmann nie mit Schreibblockaden auseinandersetzen. Denn egal, welches Thema er anging, er hatte immer Notizen, die als Startpunkt für ein Projekt dienten, und indem er diese Notizen strukturierte, baute er automatisch eine erste Gliederung auf.

Die eigentliche Schreibarbeit fällt beim Zettelkasten nicht an, wenn man sich zum Schreiben hinsetzt, sondern schon bei Punkt 2. – wenn man anfängt, die Gedanken zu strukturieren. Der eigentliche Schreibprozess fühlt sich am Ende eher an, wie das Formatieren eines ersten Entwurfs.

Digitale oder analoge Notizen? Was ist besser

Luhmann arbeitete circa 40 Jahre bis zu seinem Tod 1998 mit einem analogen Zettelkasten. Theoretisch könntest auch du so wie Luhmann mit analogen Notizen arbeiten. Sei dir jedoch bewusst, dass er die analoge Form nur aufgrund der technischen Einschränkungen seiner Zeit wählte.

Digitale Notizen haben im Vergleich zu analogen Notizen nur Vorteile:

Du kannst sie

  • überall hin mitnehmen,
  • leichter durchsuchen,
  • problemlos formatieren & editieren,
  • und mit anderen Leuten teilen.

Vergleiche das mit analogen Notizen: Hier müsstest du Archivar spielen, um die Übersicht zu behalten.

Auch wäre es praktisch unmöglich einen Zettelkasten, der aus mehreren zehntausend Notizen besteht, auf Reisen mitzunehmen.

Zu guter Letzt kann ein analoger Zettelkasten leichter zerstört werden. Der Autor Ryan Holiday setzt beispielsweise zu 100% auf analoge Notizen. Doch als vor einigen Jahren seine Wohnung ausgeraubt wurde, galt seine größte Sorge nicht seinen Wertsachen, sondern seinen Notizen.

Von der digitalen Variante kannst du hingegen ohne Mühe Sicherheitskopien erstellen. 

Mit welchen Apps kannst du einen Zettelkasten aufbauen:

Es gibt inzwischen eine Reihe an Apps, mit denen du einen digitalen Zettelkasten erstellen kannst. Nicht alle wurden speziell für diese Aufgabe erstellt: Evernote oder Notion zählen zum Beispiel zu den derzeit beliebtesten Produktivitäts-Apps am Markt. Du könntest mit ihnen einen Zettelkasten erstellen, es ist jedoch etwas mühsamer als mit Apps, die sich auf diese Tätigkeit spezialisiert haben:

Dazu zählen zum Beispiel Applikationen wie Obsidian, Zettlr oder Jopin.

Mein persönlicher Zettelkasten liegt dennoch auf Notion: Für mich hat das den Vorteil, dass ich die Notizen leichter mit meinen Texten verknüpfen kann, weil ich inzwischen die meisten Texte gleich direkt in Notion schreibe. Der Nachteil dieser Lösung ist, dass sich die Verlinkung nicht ganz so einfach bewerkstelligen lässt wie bei Obsidian und Co.

Welche App du am Ende auswählst, ist natürlich deine Entscheidung, und hängt auch von deinen persönlichen Präferenzen ab. Ich würde dir empfehlen, dich am Anfang durch die einzelnen Apps durchzutesten, bevor du eine endgültige Entscheidung triffst.

Wenn du dich jedoch entschieden hast, versuche, mindestens ein Jahr mit dieser App zu arbeiten: Als Menschen glauben wir, dass das Gras woanders immer grüner ist.

Deshalb glauben wir auch, dass andere Apps immer besser sind als diejenigen, die wir im Moment verwenden.

Dieses Phänomen ist auch als das Shiny Object Syndrome bekannt. Wenn du jedoch ständig deine Arbeitswerkzeuge wechselst, wirst du nie den Punkt erreichen, an dem du wirklich gut mit den Werkzeugen umgehen kannst.

Apps wie Notion oder Evernote benötigen viel Einarbeitungszeit: Wenn du dir diese nicht erlaubst, wirst du nie alle Möglichkeiten der jeweiligen Software kennenlernen.

Entscheide dich nach einer Probezeit deshalb für eine App und bleibe ihr mindestens ein Jahr treu.

Zusatz-Tipp: Welche Informationen in den Zettelkasten hineinlassen?

„Wie unser Magen wird auch unser Geist häufiger durch übermäßiges Essen als durch Hunger verletzt.” (Ut stomachis sic ingeniis nausea sepius nocuit quam fames.) — Francesco Petrarca

Bedenke: Information is Nahrung für den Geist. Auch bei der Ernährung gilt: Die Lebensmittel, die du vermeidest, sind wichtiger, als die Lebensmittel, die du zu dir nimmst.

So wie wir bei Speisen aufpassen müssen, was wir essen, müssen wir aufpassen, mit welchen Inhalten wir uns beschäftigen.

Die Qualität der Informationen – und nicht ihre Quantität – sollte immer den höchsten Stellenwert haben. Frage dich also immer, ob dich ein Informations-Stück wirklich im Leben weiterbringt, bevor du es in deinen Zettelkasten hineinlässt. Weniger ist mehr!

Fazit: Der Zettelkasten ist das perfekte Werkzeug für Wissensarbeiter

Mit der Zettelkasten-Methode bist du immer am (wissens)arbeiten. Sie sorgt dafür, dass Schreiben aufhört, sich wie Arbeit anzufühlen. Denn durch den Zettelkasten ist Schreiben das, was passiert, wenn du liest, Notizen machst und darüber nachdenkst.

Wie schaut dein Wissensmanagement aus: Glaubst du, dass ein Zettelkasten dir weiterhelfen würde? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Bis bald, dein Philipp